Jüdische Gemeinde Kleinlangheim

1933 lebten in Kleinlangheim 39 bis 41 jüdische Bürgerinnen und Bürger, zwei Kinder wurden noch nach 1933 geboren. Nach Einzelnennungen im späten Mittelalter werden jüdische Bewohner in Kleinlangheim seit dem 18. Jahrhundert greifbar, als sie eine Gemeinde bildeten. Denn 1725 entstand ihre erste Synagoge. Wenig später zählte man sechs schutzgeldpflichtige Familien. Deren Zahl verdoppelte sich in den folgenden Jahrzehnten auf 83 Personen in 14 Haushalten (1814). Die Berufe in der Matrikelliste von 1817 weisen fünf Viehhändler aus, darunter zwei Witwen. Ihnen kam zugute, dass im Ort der größte Viehmarkt in Franken abgehalten wurde. Die Gemeinde prosperierte und erbaute 1837/38 eine neue Synagoge. Zu dieser Zeit erreichte sie mit 118 Personen ihre Höchstzahl, die bis etwa 1870 hielt. Danach setzte allmählich und dann rapide der Rückgang auf 50 Personen um 1924 ein. Viele Familien zogen in größere Städte, allen voran in die neue Gemeinde nach Kitzingen.

Antisemitische Hetzreden in der Region vergifteten bereits in den 1920er Jahren das gesellschaftliche Klima. Sie stachelten verschiedentlich drastische Übergriffe gegen jüdische Personen und ihren Besitz an. Dies setzte sich, gefördert durch Partei und Staat, ab 1933 nahtlos fort. Schon am 1. April 1933 wurden drei jüdische Männer verhaftet. Gegen zwei weitere Männer wurde 1937 mit fadenscheinigen Beschuldigungen Klage erhoben. Trotz Freispruch landeten sie im KZ, das sie nicht mehr lebend verlassen konnten. Einem dritten Kleinlangheimer erging es – nun schon in Saarbrücken – ähnlich.

Der Novemberpogrom verlief besonders brutal. Nicht nur das Innere der Synagoge wurde verwüstet und das Inventar samt Kultgerät verbrannt. Auch die Wohnungen und Häuser der jüdischen Familien wurden überfallen, demoliert und geplündert. Vor Übergriffen gegen jüdische Bewohner:innen schreckten die Angreifer ebenfalls nicht zurück. Einige Männer wurden verhaftet und ins Gefängnis nach Kitzingen gebracht, ein Mann von dort ins KZ Dachau verschleppt.

20 jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Kleinlangheim wanderten zwischen 1937 und 1939 aus. Doch nur 14 konnten damit ihr Leben retten: in den USA (8), Großbritannien (3) und Palästina (1) sowie trotz Verfolgungen in Belgien und Frankreich (2). Sechs Menschen starben eines natürlichen Todes. Seit 1937 und vor allem nach dem Novemberpogrom verließen auch die übrigen Jüdinnen und Juden ihren Heimatort. Die Letzten zogen im November 1940 nach Würzburg. Bis auf eine Familie, die noch aus Leipzig in die USA emigrieren konnte, wurden alle Kleinlangheimer aus ihren neuen Wohnorten verschleppt. Eine Frau beging kurz vor der geplanten Deportation aus Leipzig vermutlich Suizid.

Aus Unterfranken deportierte der NS-Staat vier jüdische Bürgerinnen und Bürger, die 1933 in Kleinlangheim gelebt hatten (auf der Seite fehlt eine Person). Weitere sieben bis neun Personen ereilte dieses Schicksal an ihren neuen Wohnorten in Deutschland, vier in den Niederlanden und zwei in Frankreich. Denn ein Ehepaar, das sich mit seinem Sohn nach Peru abgemeldet hatte, wurde auf dem Weg bereits in Belgien verhaftet und schließlich aus Frankreich deportiert. Der Sohn überlebte wie auch der ebenfalls ausgewanderte Bruder. Drei Männer starben, z.T. nach mehrjähriger Haft im KZ bzw. in der Tötungsanstalt Hartheim. Kleinlangheim hat damit mindestens 21 Opfer der Shoa (incl. des möglichen Suizids) zu beklagen. Kinder oder Jugendliche befanden sich nicht unter den Opfern. Niemand überlebte die Deportationen.

Kleinlangheim beteiligt sich mit zwei Koffern am Projekt „DenkOrt Deportationen“. Der lokale Koffer erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden des Ortes. Ein zweiter Koffer aus Kleinlangheim steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.

Standort des DenkOrts in Kleinlangheim: Laubengang des Rathauses

Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Kleinlangheim
Quellen zu den Gemeindeartikeln

© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026; mit Unterstützung von Elisabeth Böhrer

 

Shoaopfer, die 1933 in Kleinlangheim gelebt hatten

Jakob Ackermann (1866 – 1943)
Jeanette Ackermann, geb. Berliner (1865 – 1943)
Ludwig Ackermann (1906 – 1940)
Siegfried Ackermann (1900 – 1942)
Cilly Fleischmann (1863 – 1942)
Jakob Goldmeier (1874 – 1943)
Jenny Goldmeier, geb. Gutmann (1889 – 1943)
Jette Hahn (1879 – 1944)
Sophie Hahn (1870 – 1944)
Albert Hähnlein (1899 – 1941)
Adolf Handburger (1903 – 1941/44)
Isidor Handburger (1871 – 1942)
Arnold Lewin (1889 – 1942)
Irma Lewin, geb. Sondhelm (1890 – 1942)
Dinchen Rosenstein, geb. Sander (1873 – 1944)
Sophie Rosenstein (1875 – 1942) (vermuteter Suizid)
Friedrich Sondhelm (1889 – 1940)
Getta Sondhelm, geb. Silbermann (1866 – 1943)
Hedwig Sondhelm (1888 – 1943/45)
Hermann Sondhelm (1861 – 1943)
Therese Stern, geb. Strauß (1863 – 1942)